Wie der Schreiner kann’s halt keiner

Gleich zwei Gesellen, die ihre Ausbildung bei der Ruzicka Teamwerkstatt gemacht haben, waren unter den Top 3 bei der Ausstellung der Gesellenstücke: Swantje Gramm kam auf Platz Eins und Kai Elsässer belegte den dritten Platz! Lesen Sie hier den Artikel aus der Kreiszeitung vom 19. Juli 2018 zur Ausstellung.

22 Tischler zeigen in der Kreissparkasse Böblingen ihre Gesellenstücke und werben damit für einen interessanten Beruf

Wer demnächst Geldangelegenheiten in der Kreissparkasse Böblingen zu regeln hat, sollte etwas mehr Zeit einplanen. Der Aufwand dafür wird gut verzinst. Denn 22 Schreinergesellen zeigen dort noch in dieser Woche, was sie drauf haben: Wunderschöne Möbel zu kreieren.

Text und Bild von Siegfried Dannecker

BÖBLINGEN. Alle Wetter. Also so viel ist sicher: Was die angehenden Schreiner im dritten Lehrjahr zurzeit im Foyer der Kreissparkasse ausstellen – das ist vom Feinsten. Alles andere als Stangenware, sondern individuell. Mit eigener Note. Und: eigenem Nutzwert. Denn auffällig vieles, was die Lehrabsolventen geschaffen haben, ist nicht nur schön, sondern praktisch. Gleich mehrere Schreibtische zum Beispiel. Oder Couch- und Fernsehmobiliar. Ziert garantiert jede (Jugend-)Bude oder das Wohnzimmer der Eltern.

Groß war die Zuschauerkulisse, als die Schau der Gesellenstücke am Montagabend feierlich eröffnet worden ist: Lehrlinge, Lehrherren, Lehrer(innen), Freunde, Bekannte. Und überall herrschte Freude. Schließlich bedeuten die Schaustücke, dass ihre Designer damit drei Jahre Ausbildung abgeschlossen haben. Sie sind Teil der praktischen Gesellenprüfung, die wiederum zweiteilig ist.

Teil eins der Gesellenprüfung bedeutet: morgens um 8 ein Möbelstück nach einer zuvor unbekannten Zeichnung binnen eines Arbeitstages fertigbringen. Zum Beispiel eine kleine Wandkonsole. Teil zwei heißt, ein Möbel nach Vorgabe zu entwerfen im Ausbildungsbetrieb über einen längeren Zeitraum – zwei Wochen. Das muss eine gewisse Größe haben, Beschläge und was Bewegliches wie etwa eine (verschließbare) Schublade. Verzapft sein muss auch etwas, also Holzzinken an Zinken anschließen – ohne Schrauben oder Nägel. Alte Handwerkskunst. „Bei uns kommt es halt auf den Millimeter an“, sagt Schreinermeister Jörg Steinle aus Sindelfingen. Und sein Kollege Wolfgang Schindler (51) nickt.

Bei den Gebrüdern Schindler hat Christian Nietsch seine Lehre absolviert, ein alteingesessener, aber alles andere als angestaubter oder altbackener Betrieb. Seine Lehre? „Würd ich dort jederzeit wieder machen“, sagt der junge Kerl aus Aidlingen. Auch mit seinen Lehrern an der Gottlieb-Daimler-(Berufs-)Schule ist Nietsch sehr zufrieden, allen voran Reiner Schmors, der ihn Holzbearbeitung gelehrt hat. Und Wirtschaftskunde. Deutsch und Gemeinschaftskunde kamen für den Realschüler hinzu.

Sein Couchtisch – ein Schmuckstück. Er hätte ihn aus Eiche machen können. Als der 19-Jährige aber mal einen kleinen Stapel Furnier aus Olivenholz sah und dessen ,Wildheit’ – da war die Rohstoffwahl keine Qual der Wahl mehr. Kann sein, Christian schenkt sein Werk den Eltern – als Austausch eines alten ramponierten Glastisches. „Wahrscheinlich aber nehm ich ihn wieder mit, wenn ich ausziehe“, grinst der nun fertige Tischler.

Leute wie Christian Nietsch dürfte es für die Betriebe in der Schreinerinnung noch viel mehr geben. Die Branche plagen Nachwuchssorgen, das geben die Meister Steinle und Schindler zu. ITler, überhaupt Anbieter von kaufmännischen Büroberufen und die Großen wie der Daimler sicherten sich die besten Schulabsolventen. Und die, die noch das ehrbare Handwerk des Schreiners erlernen, bleiben ihrem Metier nicht immer treu. Manche etwa gehen Richtung weitere Schulkarriere. Beziehungsweise Studium.

Holz- und Leimgeruch vorm Studium

Wie Swantje Gramm. Die 21-Jährige, einzige Gesellin unter den Teilnehmenden, hat einen Servierwagen aus Kirschbaum mit rosefarbigen Akzenten kreiert. Ein Prachtteil, mit dem ihr Lehrbetrieb, die Teamwerkstatt Ruzicka in Holzgerlingen, hochzufrieden sein dürfte. Für die Öschelbronnerin, die die Fachhochschulreife und ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hat, ist ihre Lehre „mehr ein Zwischenschritt“. „Ich wollte Praxiswissen, was von der Pike auf machen“, lacht sie: „Ich brauche Erdung.“ Nun aber könnte sie sich ein Studium der „Produktgestaltung“ vorstellen – ob nun in Pforzheim oder in Schwäbisch Gmünd.

Nun gut, so sei sie eben, die heutige Zeit, hat sich Jörg Steinle damit halbwegs arrangiert. Der Schreinerberuf biete eben Perspektiven, „tolle Weiterbildungsmöglichkeiten“. Sei es als Holztechniker oder -ingenieur, sei es als Innenarchitekt, sei es der Meister als Basis für die Selbstständigkeit. Steinle: „Unterm Strich ist jeder neue Selbstständige auch ein Stück Zukunft für unser Handwerk.“ Auf die Frage, ob selbiges noch goldenen Boden hat, zögert der 63-Jährige ein wenig. Er wolle nicht romantisieren, sagt er. Aber eben auch nicht schwarzmalen. „Man macht heute immer weniger mit den Muskeln und immer mehr mit dem Kopf“, beschreibt Steinle die aktuelle Schreinerwelt: digitalisiertes Arbeiten an numerisch gesteuerten Maschinen in der Produktion. Spanplatten, Glas, Metall, Kunststoffe – alles Werkmaterialien heutzutage. Doch nach wie vor seien etwa passgenau Einbaumöbel in Dachwohnungen etwas, was es nur im Handwerksbetrieb und nicht im Möbelmarkt gibt. Und auch aufwendige Innenausbauten an Decken, Wand oder Böden sind nicht vom Heimwerker oder angelernten Einmann-Betrieb zu kriegen. Das beste Beispiel hat Steinle eine Armlänge entfernt vor sich: Der Konzertsaal der Kreissparkasse hat viele Handwerkerhände gesehen. Dessen Optik und Akustik gelten ja aber auch als vorzüglich. Im Übrigen findet Steinle: „Die Gesellenstücke hier sind die beste Werbung für unseren Beruf.“ Mit Holz muss man nicht auf dem Holzweg sein.