Schreiner-Gesellenstücke: Am Schluss flattern allen die Nerven

Aus der Kreiszeitung / Böblinger Bote vom 21. Juli 2020


16 Schreiner-Gesell(inn)en mussten ihre beeindruckenden Abschlussarbeiten statt in einer Bank in der Gottlieb-Daimler-Schule zeigen. Das ist schade, weil sie Öffentlichkeit verdient hätten, sagen ihre Lehrmeister – und das Berufsbild Werbung.


SINDELFINGEN. Julia-Marie Ruß wirkt beinahe ein bisschen verlegen. Ihr "Tisch-Bänklein" gefällt allen. Für das Kommunikationsmöbel in Ahorn und Nussbaum hat die 43-Jährige einen zweiten Platz "Möbeldesign" bekommen. Zufrieden post sie fürs Foto im Schneidersitz vor dem Möbel, das zugeklappt ein kleines Tischchen ist. Und aufgeklappt ein Sitzmobilar. Nierentisch, Geigen-/Instrumentenkoffer, Butterfly/Schmetterling: Wegen seiner Form fallen den Betrachtern alle möglichen Begriffe ein. "Die vielen Assoziationen waren eigentlich gar nicht mein Ziel. Aber sie gefallen mir", lacht die (künftige) Schreiner-Gesellin.

Wie Julia-Marie Ruß haben am Samstag in der Gottlieb-Daimler-Schule in Sindelfingen 15 weitere Abschluss-Lehrlinge präsentiert, was sie sich in 80 Stunden ausdenken und danach umsetzen mussten. Arbeiten nach drei Jahren Ausbildung, die immer wieder verblüffen. Ob Schreibtische, Sideboards, Lowboards, Kommoden, Raumteiler oder die Hängevitrine für Weinliebhaber von Janne Mohr aus Gäufelden.

"Wir hätten alles gerne wieder wie bisher im Wechsel in der Volksbank beziehungsweise der Kreissparkasse in Böblingen ausgestellt und mit einer kleinen Feier verbunden", sagt Schreinermeister Wolfgang Schindler. Doch Corona – Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – hat das dieses Jahr unmöglich gemacht. Ein Jammer, findet der Bruder von Schreiner Georg Schindler. Innungsobermeister Markus Ruzicka nickt. Der Holzgerlinger Chef eines zwölfköpfigen Familienbetriebs weiß, dass das Tischlerhandwerk werbende Präsenz verdient hätte. Weil: Es leidet. Zwar sei die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in der Schreinerbranche durchaus da. "Bewerber gibt es viele", so der 54-Jährige. Doch die Zahl der Betriebe in der Innung habe in den letzten 10, 15 Jahren stark abgenommen. Aktuell seien noch 41 Unternehmen registriert: "Tendenz fallend." Ein Sterben, das Ruzicka auf den Mangel an Nachfolgern für die meist kleinen Familienbetriebe zurückführt. "Beängstigend" sei das, räumt der Schreinermeister ohne Umschweife ein.

Die Schreinertätigkeit also durchaus begehrt, das selbstständige Unternehmertum indes nicht? Ja, sagt Ruzicka, er habe durchaus öfter einen Zehn-/Zwölfstundentag. Man müsse in der Selbstständigkeit seinen eigenen Weg selber wählen und ihn gehen, viel Verantwortung tragen. Aber: Das sei ja nicht nur Fron. "Das kann viel Spaß machen", erzählt der Holzgerlinger vom Teamgeist und Zusammenhalt seiner kleinen Mann-/Frauschaft. Weshalb er auch Julia-Marie Ruß gerne übernimmt. Die tue mit ihrer Reife und Lebenserfahrung gut.


Der damals 40-jährigen Späteinsteigerin hat er via dreiwöchiges Praktikum eine Chance gegeben. Und die hat die zierliche Frau mit dem Lockenkopf genutzt. "Meine Groß- und Urgroßleute waren Zimmermänner und Schreiner", erzählt sie aus ihrem Leben. Sie aber habe, so wollten es die Eltern, nach dem Abitur studieren sollen. Tat sich auch. Philosophie und Germanistik auf Lehramt bis zum ersten Staatsexamen. "Aber ich habe nie als Lehrerin gearbeitet, sondern ging in die Medienbranche." Dann der Cut. Jetzt ist Julia zufrieden: "Ich habe mich gefordert", sagt sie: "Und ich bin gefordert worden!" Und so, wie sie das erzählt, war es genau richtig so. Mit solchen Talenten kann sie Kundenwünsche erfüllen, die auch anspruchsvoll sein mögen.


"Es gibt für mich nichts Schöneres, als wenn ich nach einer Montage beim Kunden gehe und der sagt: ,Das ist aber klasse geworden!'" Sagt's und macht Fotos im Makrobereich. An einer Rückwand hat er kleine Flecken entdeckt. "Weißsprünge" sagt er dazu. Sie entstünden, wenn man nach dem Verleimen überflüssigen Leim nicht sofort wegwische. Werde der hinterher, nach dem Trocknen, mechanisch entfernt, blieben helle Flecken. "Ein Detailfehler", sagt Schindler, der vermeidbar ist. Er will die Bilder seinem Lehrling zeigen, damit der sieht, was man hätte besser machen können. Meister fallen nicht vom Himmel. "Wir machen Hand-Werk. Und so manchem flattern am Ende seiner 80 Stunden Zeit eben die Nerven", schmunzelt der Sindelfinger, dessen Betrieb gerne ausbildet.


Jedenfalls solange es so guten Nachwuchs wie Lea Pallmer gibt. Die Gesellin hat für ihr TV-/Medienmöbel aus wilder Eiche eine Belobigung bekommen. Das schicke Teil hat nicht nur den Prüfungsausschuss überzeugt – mehrere Personen vom Fach. Lea aus Nufringen kann ihr Reifeprüfung-Stück nun auch mitnehmen in ein neues Zuhause, denn sie zieht mit ihrem Freund zusammen. "Ich hab mein Gesellen- und mein Meisterstück auch noch", grinst Wolfgang Schindler.


Über die Zusammenarbeit mit der Gottlieb-Daimler-Schule ist er voll des Lobs. "Funktioniert sehr gut!" Das hört Berufsschullehrer Reiner Schmors gerne. Der 55-Jährige, selbst gelernter Schreiner, der anschließend noch Holzwirtschaft studiert hat, unterrichtet Theorie. Ein wenig Kalkulation und viel Fachkunde – zeichnerische, rechnerische. "Meine Schülerinnen und Schüler müssen technische Zeichnungen anfertigen und lesen können", sagt Schmors, der auf die aktuell 50 Lehrlinge nichts kommen lässt. "Die Schreiner, das sind feine Menschen. Das hängt mit dem Werkstoff Holz zusammen", strahlt der GDL-Lehrer.


Vorgabe für die Prüflinge war, binnen 80 Stunden ein Möbel nach eigener Wahl zu entwerfen und zu bauen. 1,2 Quadratmeter maximal groß (Schreibtische bis zu zwei), ein Drehteil enthaltend, ein Schiebeelement und "was zum Verschließen". Alle 16 Damen und Herren haben Können und Herzblut investiert, etwas Ganzheitliches geschaffen.


Wie Falk Stähle vom gleichnamigen elterlichen Betrieb. Für seine Bassspieler-Truhe in Kirschbaum massiv erhielt der 25-Jährige (künftige Betriebserbe?) eine Belobigung. Nicht minder beeindruckende Hingucker waren aber die beiden selbstgebauten Elektro-Bässe, die Stähle auf die Truhe drapierte. Wunderschöne viersaitige E-Bässe aus Nussbaum und gedämpftem Maserahorn. "Die sehen nicht nur gut aus", schmunzelt der Funkrock-Hobby-Bassist: "Die spielen sich auch so." Sagt (nicht nur) der junge Kerl. Sagt auch "Gitarre und Bass". Das Musiker-Fachmagazin hat dem Tieftöner-Bautalent einen Beitrag gewidmet. Die Ausgabe bewahrt er in der Schublade seiner Truhe auf wie einen Schatz.


Von Siegfried Dannecker